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5 Immer auf dem Sprung
Der Preis des Erfolgs


Continued from page 1

»Hier riecht es nach Frischfleisch«, schrieb Madame de Sévigné ihrer Tochter unverhohlen bissig.2 Wenn das königliche Auge auf ein neues Ziel fiel, was es mit bestürzender Häufigkeit tat, begannen sofort die wildesten Spekulationen, ob das Objekt des kö-nig-lichen Begehrens ein kleiner Flirt bleiben oder ob diese Frau das gegenwärtige Machtgefüge bei Hofe völlig umstürzen werde. Wie immer der König sich entschied, die siegreiche Seite feierte. 1677 berichtete Madame de Sévigné von einem solchen Sieg Madame de Montespans, damals seit zehn Jahren die Favoritin Ludwigs XIV., über die kurzzeitigen Konkurrentinnen um seine Gunst:

»Ah, meine Tochter, welch ein Triumph in Versailles!«, sprudelte Madame de Sévigné los. »Welch zweifacher Sieg! Eine solide Bestätigung der Gunst! In der Verbindung gibt es Hinweise auf neu entfachtes Feuer – umso süßer, jetzt, nach den Streitigkeiten und den Versöhnungen der Liebenden. Ach, diese erneute Festigung des Besitzes! Ich verbrachte eine Stunde in ihrem – Madame de Montespans – Gemach … Freude und Wohlstand schwängerten die Luft!«3

In einer Umgebung voller bitterer Intrigen, wo die großen Menschheitsfragen von Leben und Tod unwesentlich waren im Vergleich zu den Krümeln des Erfolgs oder dem Makel des Versagens, mussten die königlichen Mätressen geschickt manövrieren. Für Höflinge war ein angedeutetes Nicken des Königs, im Vorbeigehen gewährt, Anlass zu Jubel und Frohlocken, das Ausbleiben dieser kleinen Geste eine demütigende Niederlage. Der Hof war eine Welt verdrehter Werte, eigenartiger Ehrbegriffe und Entwürdigungen, die nachfolgenden Generationen unverständlich sind.

1671 erhielt François Vatel, maître d’hôtel beim Prinzen von Condé, den Auftrag, für Ludwig XIV. ein üppiges Festmahl vorzubereiten. 12 Tage vor diesem großen Ereignis hatte Vatel bereits ein vielgängiges Festmahl für Hunderte von Gästen zubereitet, bei dem er zwei Braten zu wenig vorbereitet hatte. Das ließ ihn 12 Nächte hintereinander nicht schlafen: »Ich habe meine Ehre verloren«, sagte er zu einem Freund, der seine Rastlosigkeit bemerkte. »Diese Schande ist mehr, als ich ertragen kann.«4 Als am Morgen des Königsfestmahls der von ihm bestellte Fisch nicht kam, stürzte er sich in sein Schwert. Die Kutsche mit seiner Leiche begegnete auf ihrem Weg zum Kirchhof dem Karren, der den Fisch anlieferte.

Wie kostbarer Satin und exquisite Spitze die stinkenden, von Flohbissen übersäten Körper der Hofleute verhüllten, so verbargen ein freundliches Lächeln und höfliche Phrasen die rasiermesserscharfen Klingen, mit denen die Höflinge auf dem Schlachtfeld, das jeder Königshof im Grunde war, gegeneinander vorgingen. Die Frauen in ihrer blendenden Rüstung aus Schönheit und Charme waren jederzeit bereit, sich an ihren Rivalinnen bitter zu rächen. Im Herzen aller, die in dem blattgoldgeschmückten Saale lächelnd umherschlenderten, regierte die schiere Panik.
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